Biografie
Julian Dawson wurde am 4. Juli 1954 in London geboren – an dem Tag, an dem Elvis Presley zusammen mit Scotty und Bill in den Sun Studios in Memphis zum ersten Mal That’s All Right spielte, und an dem in Großbritannien die Lebensmittelrationierung nach dem Zweiten Weltkrieg endete.
Er wuchs als einer von sieben Brüdern in Kent auf und verbrachte neun nicht immer produktive Jahre an zwei katholischen Internaten. Diese Schulzeit fand ein abruptes Ende, als er kurz vor seinem 17. Geburtstag von der Schule verwiesen wurde. Anschließend studierte er freie Kunst und Druckgrafik am Exeter College of Art.
Durch Soloauftritte und eine zunehmend beliebte Band an der Kunsthochschule merkte er bald, dass ihm das Singen wesentlich besser lag als das Malen. Er schloss sich seiner ersten professionellen Band an, die vor amerikanischen Soldaten in Deutschland auftreten wollte. Vom Vorbild der Beatles inspiriert, verließ er England praktisch über Nacht, um in Frankfurt mit den Proben zu beginnen. Als jedoch klar wurde, dass bei Auftritten vor dem US-Militär kaum Platz für eigene Stücke war, verließ Julian die Band, um herauszufinden, was Deutschland einem Solokünstler zu bieten hatte. Sobald es ihm möglich war, gründete er eine eigene Band.
Nach seiner Rückkehr nach England tourte er in den folgenden Jahren mit wechselnden Besetzungen durch ganz Europa. Daraus entstand 1981 sein erstes Album, das vom Pubrock geprägte Let Out The Pig, ursprünglich aufgenommen für das britische Kultlabel Armageddon Records. Seine Labelkollegen Kimberley Rew (Gitarre) und Andy Metcalfe (Bass und Keyboards) von den Soft Boys wirkten an dem Album mit, das in einem Hamburger Studio fertiggestellt wurde und 1982 erschien.
Julian erkannte, dass die Energie, die es kostete, betagte Tourbusse am Laufen zu halten, vielleicht besser in ein Album investiert wäre, das ihm den Durchbruch ermöglichen könnte. So begann er im Can-Studio bei Köln mit dem Bassisten Rosko Gee (Traffic), dem Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, dem Gitarristen Jay Stapley und dem Keyboarder Helmut Zerlett zu arbeiten. Gemeinsam mit der Sängerin Lynda Hayes entwickelte sich aus dieser Besetzung das Projekt „The Flood“.
Rough Trade veröffentlichte die Maxi-Single „Cold Cold World“. Es folgte das hochgelobte Album As Real As Disneyland bei Polydor, wo auch Luckiest Man In The Western World erschien. Zu den Gastmusikern zählten Richard Thompson, P. P. Arnold und Toots Thielemans. Hervorragende internationale Kritiken und Auszeichnungen als „Album des Monats“ in Deutschland trugen dazu bei, dass das Interesse an Julian Dawson in ganz Europa wuchs.
Amerika war für ihn schon immer ein Ziel gewesen. 1990 erschien dort seine erste Veröffentlichung: die CD Live On The Radio beim Label Watermelon Records in Austin, Texas.
Es folgten regelmäßige Reisen zum Songschreiben in die Vereinigten Staaten. Nach der Vertragsunterzeichnung bei BMG/Ariola nutzte Julian seine neu geknüpften Kontakte in Nashville, um 1991 das Album Fragile As China aufzunehmen. Produziert wurde es von Garry Tallent (E Street Band), mit einer beeindruckenden Riege von Gastmusikern, darunter Vince Gill, Barry Beckett, Michael Henderson, Jerry Douglas und Dennis Locorriere von Dr. Hook.
Die erste Single „How Can I Sleep Without You“ stieg direkt in die deutschen Charts ein. Rückenwind erhielt sie durch eine viermonatige Tournee, bei der Julian als Special Guest von BAP auftrat, der damals beliebtesten Band Deutschlands.
Mit einer neuen Besetzung, zu der die ehemaligen Rodney-Crowell-Musiker Steuart Smith und Vince Santoro gehörten – beide hatten bereits auf Fragile As China mitgespielt –, ging Julian auf zwei äußerst erfolgreiche Europatourneen, die später auf der Live-CD June Honeymoon dokumentiert wurden.
Im Herbst 1992 kehrte er mit Garry Tallent ins Studio zurück, um das Nachfolgealbum Headlines aufzunehmen. Diesmal wurde seine Stammband von einer hochkarätigen Gästeriege ergänzt, darunter Duane Eddy, Jo-El Sonnier, Dan Penn, Bill Payne (Little Feat), Steve Forbert und die Gesangsgruppe 14 Karat Soul. Nach dem Erfolg der A-cappella-Single „Sunday Into Saturday Night“ veröffentlichte Arista das Album in Großbritannien. Weitere Tourneen folgten.
1994 stellte BMG für die Compilation How Human Hearts Behave die besten Aufnahmen aus zehn Jahren von Julians Schaffen zusammen. Weitere Stücke entstanden in New York mit dem Produzenten Stewart Lerman, darunter insbesondere eine Duettversion von „How Can I Sleep Without You“ mit Lucinda Williams sowie zwei Titel mit den Roches. Singles, Liveaufnahmen und Remixe rundeten die Sammlung ab. In den Vereinigten Staaten erschien eine ähnliche Zusammenstellung unter dem Titel Spark.
Bis zum Frühjahr 1994 hatte Julian eine neue Sammlung von Songs fertiggestellt, die in den Dreamland Studios in Woodstock, New York, aufgenommen werden sollte. Diesmal stand seine eigene herausragende Band im Mittelpunkt, doch das Album enthielt auch gemeinsam geschriebene Songs und Kooperationen mit Nicky Hopkins, Jules Shear und Willie Nile. Die Roches und Curtis Stigers steuerten Gesang bei. „You’re Listening Now“, von Julian gemeinsam mit Nicky Hopkins geschrieben und aufgenommen, gilt als einer der Höhepunkte des Albums.
Travel On erschien Anfang 1995 in Deutschland und Nordamerika; ein Jahr später folgte die Veröffentlichung in Großbritannien.
Neben seinen Soloalben nahm Julian fünf CDs mit Iain Matthews’ Plainsong auf, einem Projekt, bei dem alle vier Mitglieder eigene Stücke beisteuerten. Später verließ er die Gruppe, um sich stärker auf seine Solokarriere zu konzentrieren. 2012 fand die Band jedoch für die „40th Anniversary Farewell Tour“ wieder zusammen, die sie schließlich sogar bis nach Japan führte.
Im Sommer 1996 produzierte Julian The Longest Train, das Comeback-Album der Country-Legende Charlie Louvin. Die CD enthielt Neuaufnahmen von sechs Klassikern der Louvin Brothers sowie drei Songs von Julian Dawson. Außerdem wirkte eine wunderbare Riege von Gastmusikern und Sängern aus Nashville an dem Album mit.
In den folgenden Jahren trat Julian sowohl solo als auch mit Plainsong in ganz Europa und Nordamerika auf. Seine Reisen führten ihn nach Kanada, in die Vereinigten Staaten, die Niederlande, nach Deutschland, Österreich, Italien, Dänemark, Schweden und in die Schweiz. Er tourte außerdem mit Arlo Guthrie, Fairport Convention, Dolores Keane, Al Stewart und Katy Moffatt.
1997 kehrte Julian nach New York zurück, um das weitgehend akustische Album Move Over Darling aufzunehmen. Produziert wurde es von Stewart Lerman und Steuart Smith, der inzwischen festes Mitglied der Eagles geworden war. Richard Thompson, Dan Penn und die Roches waren erneut als Gäste dabei.
1999 erschien Under The Sun, Julians erstes Album, das vollständig in Großbritannien aufgenommen wurde. Für dieses Projekt kehrte er zu seinen Wurzeln zurück und arbeitete mit Kimberley Rew, Andy Metcalfe und Daniel Tashian aus Nashville zusammen. Seine Kinder Robyn und Holly steuerten Harmoniegesang bei; als Gast war außerdem der legendäre Pianist John „Rabbit“ Bundrick (The Who) zu hören.
2001 feierte Julian sein 25-jähriges Bühnenjubiläum mit seinem bis dahin umfangreichsten Konzertprogramm. Zu den Höhepunkten zählten Auftritte beim Tønder Festival in Dänemark und beim renommierten Newport Folk Festival in den Vereinigten Staaten.
Im selben Jahr erschien auch die Live-CD Cologne Again Or mit auf das Wesentliche reduzierten Versionen einiger seiner Lieblingssongs.
Den Sommer verbrachte Julian in Kalifornien, wo er mit dem ehemaligen Byrds-Mitglied Gene Parsons das vom Country geprägte Album Hillbilly Zen aufnahm. Parsons spielte nahezu alle Instrumente selbst. Das Album erschien 2002 in Deutschland, Großbritannien und den USA; anschließend gingen Julian und Gene gemeinsam auf Tournee.
Zu den Tiefpunkten jenes Jahres gehörten eine Brustkrebsdiagnose – ja, auch Männer können daran erkranken – und die Ereignisse des 11. September 2001. Julian war an diesem Tag mit dem Flugzeug unterwegs und strandete zusammen mit 7.000 anderen Flugreisenden auf Neufundland. Fünf Nächte lang schlief er auf dem Boden einer Kirche der Heilsarmee in Gambo. Diese Erfahrung verarbeitete er in seinem Song „Waiting For A Plane“, der in Kanada zu einer kleinen Hymne wurde.
2004 erschien Bedroom Suite, ein Album mit acht Songs über Liebe, Beziehungen und Ehe. Es entstand größtenteils bei ihm zu Hause in Somerset, mit Beiträgen von Freunden und Familienmitgliedern, darunter seine Tochter Holly, die ein Duett mit ihrem Vater sang. Zur Veröffentlichung spielte er mehr als 50 Konzerte in ganz Europa.
Zwei Jahre später nahm Julian mit Nothing Like A Dame sein erstes Album mit Coverversionen auf. Darauf interpretierte er fünfzehn seiner Lieblingssongs neu, die ursprünglich allesamt von Frauen geschrieben oder bekannt gemacht worden waren. Begleitet wurde er vom Gitarristen Richard Kennedy; Martin Carthy wirkte als Gastmusiker mit. Auf dem Albumcover war außerdem erstmals sein später berühmt gewordener Kilt im Tartan der Familie Dawson zu sehen.
2008 arbeitete Julian mit dem Produzenten und Soulmusiker Dan Penn an dem Album Deep Rain. Aufgenommen wurde es mit einer handverlesenen Gruppe von Musikern aus Nashville in Penns eigenem Studio. Die daraus entstandene Songsammlung zählt für viele zu Julians besten Arbeiten.
Nach den Studioaufnahmen beschloss Julian, zum ersten Mal seit Jahren wieder mit einer kompletten Band auf Tournee zu gehen. Eines der Konzerte wurde auf der Doppel-CD/DVD Julian Dawson & Band: Live festgehalten, die 2010 erschien.
Ebenfalls 2010 veröffentlichte Julian sein erstes Buch: eine mit viel Liebe recherchierte Biografie des außergewöhnlichen Pianisten Nicky Hopkins, mit dem er zuvor bei Travel On zusammengearbeitet hatte. Eine deutsche Ausgabe erschien bei Random House unter dem Titel Nicky Hopkins – Eine Rock Legende; später folgten englischsprachige Ausgaben in Großbritannien und den USA. Das Buch erhielt hervorragende Kritiken und wurde von den Musikmagazinen Uncut und Shindig zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt.
2013 lud die deutsche Rocklegende Wolfgang Niedecken Julian ein, sein erstes Soloalbum zu produzieren. Mit Julians bewährtem Team aus den 1990er-Jahren und Gästen wie Larry Campbell und John Sebastian (Lovin’ Spoonful) entstand das Album Zosamme Alt. Zur Überraschung vieler erreichte es Platz 4 der deutschen Charts.
Das nächste Soloalbum von Dawson sollte die Atmosphäre seiner Liveauftritte einfangen. Living Good wurde erneut von Dan Penn in Nashville produziert und auf traditionelle Weise direkt auf analoges Tonband aufgenommen. Das Album erschien 2015 und erhielt hervorragende Kritiken.
Der Erfolg des ersten Niedecken-Soloalbums führte zu einer weiteren Produktion in den USA. The Family Album wurde in New Orleans aufgenommen; zu den beteiligten Musikern gehörten JJ Johnson, Roscoe Beck und Steuart Smith. Julian bezog bewusst Elemente des reichen musikalischen Erbes der Stadt ein, darunter Zydeco-Akkordeon (Dwayne Dopsie), Bläser im Stil von New Orleans und charakteristische Cajun-Klänge.
Da viele seiner Alben nicht mehr erhältlich waren, stellte Julian 2013 die umfangreiche 3-CD-Box Life And Soul Vol. I zusammen, die persönliche Lieblingsstücke, Demos und Raritäten vereinte. 2018 folgte mit Bargains Galore – Life And Soul Vol. II eine weitere Sammlung von Lieblingsstücken und seltenen Aufnahmen, diesmal einschließlich seiner Beiträge zu Plainsong.
Songs von Julian Dawson wurden unter anderem von Rosie Flores, Charlie Louvin, Rock Salt and Nails und Sean Keane aufgenommen. Als Sänger oder Mundharmonikaspieler arbeitete er außerdem mit zahlreichen bekannten Musikern zusammen, darunter Gerry Rafferty, Little Feat, Glen Tilbrook, Del Amitri, Dan Penn, Iain Matthews, Richard Thompson – und sogar Benny Hill!
2016 bat Spencer Davis, Gründer der Spencer Davis Group, Julian nach der Lektüre seiner Nicky-Hopkins-Biografie, auch sein Buch zu schreiben. Nach Davis’ Tod im Jahr 2020 wurde das Projekt vorerst auf Eis gelegt; nun soll das Buch endlich 2027 erscheinen.
Zuletzt war Julian als Berater an dem Dokumentarfilm The Session Man beteiligt, der sich dem Leben und der Musik von Nicky Hopkins widmet. Dawson ist darin neben Keith Richards, Mick Jagger, Dave Davies und vielen anderen zu sehen. Der Film feierte 2023 vor ausverkauftem Haus im Londoner Barbican Premiere und gewann anschließend mehrere Preise.
Im Juli 2024 feierte Julian Dawson seinen 70. Geburtstag mit dem Album Julian Dawson / 4th of July. Darauf ist eine beeindruckende Riege von Gastkünstlern zu hören, darunter Vince Gill, Steuart Smith, Richard Thompson, Iain Matthews und Lucinda Williams sowie seine deutschen Freunde Wolfgang Niedecken, Helmut Zerlett und Stefan Stoppok.
2026/27 feiert Julian sein 50-jähriges Bühnenjubiläum als Songwriter und Musiker. Mit einer treuen internationalen Fangemeinde, durchweg positiven Kritiken und ungebrochener Leidenschaft für die Musik bleibt er eine unverwechselbare Stimme in Rock, Folk und Country. Seine Freizeit verbringt er so oft wie möglich mit seiner Familie – drei Kindern und drei Enkelkindern – oder damit, Musik zu hören, seltene Schallplatten zu sammeln, zu malen, spazieren zu gehen, zu schreiben und das Leben zu genießen.

